Dienstag, 5. März 2013

Statt umfassender Information:
NDR-Werbesendung für Tiefe Hirn Stimulation

Ein bemerkenswertes Beispiel für Gefälligkeitsjournalismus lieferte am 5. März das Gesundheitsmagazin des NDR-Fernsehens "Visite". Angekündigt war ein Schwerpunktbericht über die kürzlich vorgestellte deutsch-französische Langzeitstudie EARLYSTIM. Visite-Moderatorin versprach eine "Sensation" in Sachen Parkinson-Therapie. Was folgte, war eine 6 Minuten-Reportage, die eher an eine Werbebotschft der Geräteherstellern für viele Tiefe Hirn Stimulation (THS) erinnerte und ein durch keine kritischen Fragen oder offene Antworten getrübtes Jubel-Studiogespräch mit dem deutschen Leiter der Studie, dem Kieler Chef des THS-Zentrums, Prof. Günther Deuschl.

Der Kieler Chef-Neurologe, der als fast fanatischer Befürworter der umstrittenen Hirnoperation gilt, schilderte die THS im Allgemeinen und die THS im Frühstadium des Morbus Parkinson insbesondere  ausschließlich positiv. Er betonte minutenlang die "neue Lebensqualität" der THS-Patienten und bezog sich dabei ausschließlich auf eine Linderung des Tremors, die meist tatsächlich durch den operativen Eingriff erreicht wird.

Das völlige Versagen der THS-OP zum Beispiel bei den häufigen Sprach-Defiziten von Parkinson-Patienten tat Deuschl mit einem Halbsatz ab, konkrete Aussagen über die unveränderte Notwendigkeit einer (allerdings oft reduzierte) Medikation auch nach dem operativen Eingriff tief ins Hirn vermied der THS-Professor.

   THS-Komplikationen verharmlost   

Schwere und schwerste Komplikationen in Folge der THS wurden verharmlost - oder verschwiegen: Kein Wort über Suizide bei Probanden der Studie. Unter den NDR-Visite-Tisch fielen auch schwere Nebenwirkungen wie Impulskontrollstörungen nach der Hirn-OP. NDR-Moderatorin Cordes fragte vorsichtshalber nicht nach dieser dunklen Seite der "THS-Medaille".

Die von Geräteherstellern und ihren Lobbyisten in Patientenselbsthilfegruppen jahrelang geleugneten Neben- und Folgewirkungen der Tiefe Hirnstimulation wurden und werden  - wie in diesem NDR-Visite-Beitrag von ärztlichen Anbietern des mit rund 30.000 EURO extrem teuren Eingriffs nach wie vor entweder gar nicht erwähnt oder sträflich verharmlost.

Seit einem Jahr sind aber wissenschaftlich fundierte Berichte über die möglichen Verhaltensstörungen nach der THS bekannt. chronischLEBEN berichtete am 14. Februar 2012 ausführlich:

Auszug aus dem chronischLEBEN-Bericht vom 14.12.2012
(Quelle: Apotheken Umschau) 
Einige Symptome bessern sich unter der Therapie meist gut; dafür kämpfen die Patienten oft aber mit psychischen Problemen, Depressionen etwa, aber auch obsessives Verhalten wie Spielsucht oder Hypersexualität.

"Verhaltensveränderungen als Folge der Tiefen Hirnstimulation treten häufiger auf als bislang vermutet", erklärt Dr. Markus Christen vom Institut für biomedizinische Ethik der Universität Zürich . Die Probleme seien immerhin so häufig, dass die Patienten und deren Familien mittlerweile in einigen Fällen darauf vorbereitet werden. Im Idealfall, so Christen, würden Absprachen getroffen, wie dem Kranken das Eintreten einer solchen Komplikation mitgeteilt wird, "denn er selbst reflektiert sie in der Regel nicht".

Die Anbieter und Befürworter der THS haben triftige Gründe für die jetzt in der EARLYSTIM-Studie propagierte Operation im Parkinson-Frühstadium. Bisher bekommen Parkinsonkranke meist erst einen Schrittmacher, wenn sie älter als 60 sind und Medikamente nicht mehr wirken.

   Patienten-"Nachschub" für 30 deutsche THS-Zentren?   

Das lastet die mittlerweile wie die Pilze aus den Klinikböden schießenden THS-Zentren nicht aus. Wirtschaftlich mit Profit betreiben lassen sich diese mit enormem finanziellen Aufwand eingerichteten und betriebenen OP-Zentren mit den bisherigen Patientenzahlen auf Dauer nicht.

Für die aktuelle Studie haben deutsche und französische Neurologen 251 Patienten zwei Jahre lang begleitet, die im Durchschnitt nur 52 Jahre alt waren und erst seit 7,5 Jahren unter Parkinson litten. Die eine Hälfte der Patienten erhielt nach zufälliger Auswahl allein Medikamente. Die andere Hälfte schluckte Arzneien und unterzog sich zusätzlich dem heiklen neurochirurgischen Eingriff.

Der unermüdliche THS-Werber Deuschl, der den deutschen Teil der Studie leitete, gibt sich euphorisch: Die Operierten Patienten, so Deuschl, seien mobiler geworden, sie hätten ihr alltägliches Leben wieder besser beherrscht und weniger Medikamente benötigt" Die Mobilität verbesserte sich laut Deuschl demnach um 53 Prozent, die Lebensqualität um 26 Prozent und die Aktivitäten des täglichen Lebens um 30 Prozent. Eine Super-Bilanz auf den ersten Blick.

Operative und postoperative Komplikationen verharmlost Deuschl. Nach der Operation kann sich die Wunde infizieren, Epilepsien oder Störungen der Sprechmotorik drohen. Dokumentiert wurden in der Studie 68 schwere Nebenwirkungen bei 124 Operierten; 27 davon waren durch die Operation bedingt. Manche Patienten mussten erneut operiert werden, bei einigen verrutschte der Stimulator. "Aber nach zwei Jahren war mit Ausnahme einer Patientin, die unter den Folgen durch die Narben litt, von all diesen Problemen nichts mehr übrig", wiegelt Deuschl ab.

Auch in der Medikamentengruppe der Studie gab es 56 schwerwiegende Nebenwirkungen.Studienleiter Deuschl ist überzeugt davon, dass "trotz möglicher schwerer Nebenwirkungen der Nutzen der tiefen Hirnstimulation klar überwiegt".

In einem begleitenden Kommentar schreibt Caroline Tanner vom Parkinson's Institute der Stanford University: Die Studie sei durchaus "präzise durchgeführt worden" . Doch die ausgewählten Probanden, die höchstens 60 Jahre alt und auch sonst gesund waren, spiegelten nicht den typischen Parkinson-Patienten wider, so ihre Kritik.

   Suizide in der EARLYSTIM-Studie - im NDR verschwiegen   

Befürchtet wird von Kritikern, dass die Hirnstimulation die Suizidrate erhöhen könnte. Auch drei Studienteilnehmer töteten sich (zwei aus der Stimulatorgruppe, einer aus der Medikamentengruppe). In beiden Gruppen gab es zudem je zwei Suizidversuche. THS-Werber Deuschl tut auch diese Zahlen ab: "Wir legen diese Ergebnisse so aus, dass nicht der Neurostimulator die Ursache ist", so Deuschl. "An solchen Untersuchungen nehmen mehr risikobereite Menschen teil, die wahrscheinlich ein höheres Suizidrisiko haben." .

Finanziert wurde die Studie einerseits vom deutschen Forschungsministerium und französischen Behörden. Gelder für die Studie floss aber auch vom THS-Gerätehersteller Medtronic. Eingriff und Stimulator kosten an einer deutschen Klinik etwa 30.000 Euro.

Mehrere Studienautoren geben zu, dass sie von Medtronic Honorare erhalten haben. Deuschl jedoch betont, Medtronic habe "weder Einfluss auf die Art der Datenerhebung und -auswertung gehabt, noch habe das Unternehmen die Daten je gesehen".

jos

chronischLEBEN-Kommentar:
Der Patient, das verkaufte Wesen


Neue Therapie-Ansätze haben gerade bei chronisch und bislang unheilbare Kranke begreiflicherweise besonders gute Verkaufs-Chancen. Der Morbus Parkinson ist eine dieser Krankheiten, mit denen sich Riesen-Umsätze und Gewinne machen lassen - mit zweifelhaftem Erfolg.

Nach Levodopa- und Agonisten-Therapie mit ihren immer bekannter werdenden unerwünschten Nebenwirkungen  kam da die Tiefe Hirn Stimulation gerade recht. Der operatve Eingriff ins Hirn, vereinfacht auch "Hirnschrittmacher" genannt, wird seit Jahren angeboten wie sauer Bier - und mit Jahrmarktschreier-Methoden beworben. Immer wieder werden Parkinson-Kranke vorgeführt, die mit Aus-und Einschalten der elektrischen Hirnstimulation ihren Tremor nach Belieben und in Sekundenschnelle provozieren und wegschauten könnten.

Nicht gezeigt wurden und werden von den allgegenwärtigen THS-Werbern die Neben- und Forgewirkungen der THS. Es wäre schlecht fürs Renommee und fürs Geschäft, hypersexuelle übergriffige THS-Patienten sichtbar zu machen  oder Kranke, die nach der THS ihre Existenz und die ihrer Familie durch eine sich entwickelnde Kauf- oder Spielsucht gefährden oder vernichten.

Nicht existent in der THS-Werbung sind auch die nicht immer gemilderten oder sogar verstärkten Parkinson-Symptome nach dem Eingriff.

Geht es den THS-Befürwortern eigentlich  um das Wohl der Parkinson-Patienten? Natürlich - und es gibt ja auch positive Aspekte. Was aber letztlich zählt in der wuchernden THS-Szene, ist der Profit. Das Geschäft mit den Dioden-Nadeln im Hirn ist ein Blockbuster. Es geht um Millionen. Und um diese Riesenumsätze buhlen immer mehr Anbieter. Das Wuchern der THS-Zentren auf mittlerweile rund 30 läßt nicht Gutes für die auf Linderung hoffenden Patienten erwarten.

Die auch von der Industrie bezahlte EARLYSTIM-Studie und die kritiklose Berichterstattung wie jetzt wieder im NDR-Magazin "Visite" soll offensichtlich vor allem eins bewirken: Das "Anfüttern" von leidensgeplagten Parkinson-Kranken, denen eine risikoarme Vision vorgegaukelt wird. Werden durch eine hemmungslos werbende schönfärbende Berichterstattung und einen netten Plausch der netten Visite-Moderatorin Cordes mit dem jede Kritik im Keime erstickenden netten Kieler Professor Deuschl auch nur 30 Patienten von der schönen neuen THS-Welt "überzeugt", macht das schon wieder eine Million Umsatz und entsprechende Gewinne.

So ein paar Suizide oder ein paar Jahre Spiel-Kauf- oder Sexsucht (bis zum resignierenden, aber auch nicht risikilosen Entfernen der Gehirnnadeln) werden von den THS-Professoren und der Industrie bei diesen verlockenden Zahlen offensichtlich schulterzuckend in Kauf genommen.. Kollateral-Schäden  eben.

Was bleibt, sind verratene und verkaufte Patienten.

Norbert Jos Maas


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