Freitag, 23. November 2012

Brustkrebs-Frühdiagnose umstritten
US-Studie geht von 1,3 Millionen gefährlichen
"Überdiagnosen" durch Mammographie aus

Die Geräte-Industrie und die mit den Herstellern eng verbundenen spezialisierten Röntgenologen werden vor allem oin Deutschland nicht müde, das Mammographie-Massen-Screening als eine Wohltat und Allheilmittel gegen den Brustkrebs zu preisen. Der Grund liegt auf der Hand:mit der bislang kaum kritisch hinterfragten Früherkennungsmethode werden Millionen-Gewinne gemacht - sowohl von Geräte-Produzenten und -Händlern als auch von Niedergelassenen Medizinern und Kliniken, die in das Geschäft mit der Angst involviert sind. Eine Auswertung des US-Krebsregisters SEER zieht allerdings den tatsächlichen Nutzen der Mammographie erneut infrage. Seit ihrer Einführung ist es nur zu einem geringen Rückgang der Spätdiagnosen gekommen, die die Mammographie vermeiden soll. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Frühdiagnosen. Die Autoren der Studie schätzen den Anteil der Überdiagnosen auf 31 Prozent. In den letzten drei Jahrzehnten sei bei 1,3 Millionen Frauen unnötigerweise ein Brustkrebs diagnostiziert und vermutlich auch behandelt worden.

Unbestritten ist, dass die Röntgenuntersuchung der Brust, die Mammographie, den Krebs in einem frühen und fast immer heilbaren Stadium entdecken kann. Lange Zeit wurde aber verschwiegen, dass bei dieser Frühdiagnose sich auch Tumoren als "dingend und sofort zu behandelnd" entdeckt werden, die aufgrund ihres langsamen Wachstums oder einer spontanen Regression das Leben der Patientin niemals gefährden würden.

   Nutzen-Risiko-Bilanz der Mammographie ist umstritten   

Die Existenz dieser Überdiagnosen wird mittlerweile zwar anerkannt. Umstritten ist jedoch, wie hoch ihr Anteil ist, und ob die Diagnose und Therapie dieser Tumoren das Nutzen-Risiko-Bilanz des Screenings infrage stellt.

Das Deutsche Ärzteblatt zitiert in einem Bericht üner die neue US-amerikanische Studie den Mammographie-Skeptiker Peter Gøtzsche vom Nordic Cochrane Center in Kopenhagen. Gøtzsche geht von einem hohen Anteil der Überdiagnosen aus, den er wie andere Kritiker auch in einer systematischen Übersicht auf 52 Prozent schätzt. Nach Ansicht der Kritiker ist das Mammographie-Screening weitgehend nutzlos. Es gefährde sogar die Gesundheit der Frauen, da Überdiagnosen unnötige Ängste schüren und überflüssige Therapien auslösen würden.

Archie Bleyer von der Oregon Health and Science University in Portland schätzt den Anteil der Überdiagnosen jetzt auf 31 Prozent. Der Forscher hat die Daten des US-Krebsregisters SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results) ausgewertet, das etwa ein Zehntel der Krebserkrankungen in den USA abdeckt. Die Publikation zeigt, dass es nach der Einführung der Mammographie ab Mitte der 80er-Jahre zu einem deutlichen Anstieg bei den Frühdiagnosen des Mammakarzinoms gekommen ist. Die Zahl der Diagnosen stieg seit 1976 von 112 auf 234 Fälle pro 100.000 Frauen an.

Allerdings standen 122 Überdiagnosen lediglich acht Spätdiagnosen auf 100.000 Frauen gegenüber.

   In den USA mehr als 70.000 bedenkliche Überdiagnosen im Jahr 2008   

Hochgerechnet auf die US-Bevölkerung und unter Berücksichtigung der hohen Akzeptanz der Mammographie sowie der zeitlichen Trends (einschließlich des vorübergehenden Anstiegs der Diagnosen nach dem Ende der Hormonersatztherapie) kommt Bleyer auf die Zahl von 1,3 Millionen Überdiagnosen, zu denen es in den drei Jahrzehnten seit Einführung des Mammographiescreenings in den USA gekommen ist. Allein im Jahr 2008 sei bei mehr als 70.000 Frauen ein Mammakarzinom überdiagnos­tiziert worden, errechnet Beyer.

jos (unter Verwendung von Material des Deutschen Ärzteblatts)

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